Oracy und das Oracy Skills Framework
Der OraCycle verfolgt in der Förderung von Mündlichkeitskompetenz (engl. oracy) einen ganzheitlichen Ansatz. Selbstverständlich ist er kompatibel mit den in den Bildungsstandards und den Lehrplänen aller Bundesländer definierten, für mündliche Kommunikation relevanten Zielkompetenzen. Er geht in mancher Hinsicht jedoch über diese hinaus, um Besonderheiten mündlichen Kommunizierens besser zu erfassen. Dazu greift er auf das so genannte Oracy Skills Framework zurück, welches von Neil Mercer (u.a. 2025) und Kolleg*innen entwickelt und insbesondere in Großbritannien in vielen Schulen zur fächerübergreifenden Förderung von oracy umgesetzt wird.
Was bedeutet ‘oracy’?
Im Deutschen hat sich der Begriff der Mündlichkeit als Sammelbegriff sowohl für die mündliche Kommunikation als auch das Ziel der Entwicklung mündlicher Kompetenzen im Fremdsprachenunterricht etabliert. Im englischen Sprachgebrauch gibt es hingegen eine differenziertere Begriffsverwendung, hier wird zwischen orality und oracy unterschieden, wobei ersterer Begriff sich auf die mündliche Kommunikation bezieht, während letzterer Kompetenzen in mündlicher Kommunikation meint (Diehr 2024). Oracy wurde als Begriff Mitte der 1960er Jahre durch Andrew Wilkinson (1965/68) in Birmingham als Gegenbegriff zu literacy geprägt, um auf die Notwendigkeit der kontinuierlichen und fächerübergreifenden Förderung von Hören und Sprechen im Unterricht hinzuweisen. Wir übersetzen oracy hier mit dem Begriff der Mündlichkeitskompetenz, wie dies von Matz et al. (2023) angeregt wurde.
Neil Mercer und Kolleg*innen haben ein wichtigen Beitrag zur Popularisierung von oracy in der jüngeren Vergangenheit geleistet. Nach Mercer (2025) bedeutet oracy den kompetenten Umgang mit den Fertigkeiten des Sprechens, Hörens und nonverbaler Kommunikation zu unterschiedlichen Zwecken (“the ability to use the skills of speaking, listening and non-verbal communication for a wide range of purposes”, Mercer 2025: 7). Damit einher geht die Bedeutung von oracy für die gesellschaftliche und kulturelle Teilhabe (vgl. Siepmann et al. 2024) – ob in der Muttersprache oder einer Fremdsprache.
Was ist das Oracy Skills Framework?
In Großbritannien wurde das Konzept oracy in der Folge in verschiedenen bildungspolitischen Kampagnen zur Förderung mündlicher Kommunikation in schulischer Bildung aufgegriffen. Ein gut etabliertes und praxisnahes Konzept zur Förderung und Beurteilung von oracy ist das an der University of Cambridge von Mercer und Kolleg*innen entwickelte Oracy Skills Framework. Es gliedert diese komplexe Kompetenz in vier Stränge (four strands):
- physische Fertigkeiten (physical strand), u.a. Stimme/Stimmprojektion, Aussprache/Intonation/Prosodie, Mimik, Gestik
- sprachliche Fertigkeiten (linguistic strand), u.a. Lexis, Grammatik, generische Aspekte, Register, rhetorische Mittel/Humor
- kognitive Fertigkeiten (cognitive strand), u.a. Strukturierung des Gesprächsinhalts, Strategien u.a. zur Gesprächsführung, zur Kompensation, etc.
- sozial-emotionale Fertigkeiten (social-emotional strand), u.a. Sicherheit im Vortrag, mit Ängsten umgehen, mit anderen Kooperieren
Anders als die im Lehrplan häufig recht abstrakt und weit gefassten (Teil-)Kompetenzen erscheinen die in den vier Dimensionen beschriebenen Fertigkeiten konkreter und damit für Lehrkräfte und Lernende verständlicher. Darüber hinaus werden non- und paraverbale sowie affektive Aspekte stärker hervorgehoben. Dies ist gerade vor dem Hintergrund des gut erforschten und weit verbreiteteten Phänomens der foreign language classroom anxiety (Horwitz et al. 1986) sowie speziell der speaking anxiety (Phillips 1989) bzw. listening anxiety (Ji et al. 2022) von Bedeutung. Es gilt daher, Lernende gezielt zu unterstützen und die im OSF beschriebenen Ressourcen sukzessive zu erweitern.