Fachdidaktische Forschung für die Praxis – in enger Kooperation mit Lehrkräften. Hier erläutern wir Ihnen, wie wir in unserem Forschungsprojekt vorgegangen sind.
Problemstellung
Die Problemstellung des Forschungsprojekts ging ursprünglich aus unserer eigenen Erfahrungen mit mündlichen Kommunikationsprüfungen im Fremdsprachenunterricht hervor: Nachdem diese in NRW zum Schuljahr 2014/15 erstmals verpflichtend durchzuführen waren, sahen sich Lehrkräfte allenorts mit den großen Herausforderungen dieses komplexen Formats konfrontiert. Nach einigen Jahren hatte es sich freilich mittlerweile gut etabliert und die Durchführung mündlicher Prüfungen wurde mehr und mehr zur Routine, wobei das Hauptaugenmerk zunehmend auf logistische Fragen fiel: Terminierung, Raumfindung, etc. Weniger Aufmerksamkeit erhielten nach unserer eigenen Erfahrung Fragen nach der konzeptionellen Gestaltung der Prüfung, die in der vorliegenden Handreichung (MSW NRW 2014) grob umrissen und durch einige Praxisbeispiele veranschaulicht wurde; das hierin vorgeschlagene Bewertungsraster wird nach unserer Erfahrung (und einer Fragebogen-Befragung von Lehrkräften) bis heute fast überall verwendet. Uns beschlich — damals noch unanhängig voneinander — ein gewisses Unbehagen: Wie kann eine gute mündliche Kommunikationsprüfung aussehen, die eng mit der Förderung mündlicher Kompetenzen im Unterricht verknüpft ist und zu ihrer nachhaltigen Entwicklung beiträgt? Leider bot auch die empirische Forschung in der Fremdsprachendidaktik — damals wie heute (bis auf wenige Ausnahmen) — keine Anhaltspunkte. Die Möglichkeit, ein länger angelegtes Forschungsprojekt (Postdoc) zu diesem Thema an der Uni Münster durchzuführen (Philipp Siepmann), führte uns in diesem Projekt zusammen, das seit 2019 läuft.

Forschungsfrage: Was wir herausfinden wollten
Wie bereits erwähnt, ging es uns nicht allein um die Verbesserung der Prüfungsqualität; vielmehr wollten wir das Format der mündlichen Kommunikationsprüfung so weiterentwickeln, dass es zu einer Erhöhung der Unterrichts- und Lernqualität bezüglich der Entwicklung mündlicher Kompetenzen im Fremdsprachenunterricht insgesamt führte. Im englischen wird die Abstimmung von Lernzielen, Lerninhalten und Leistungsbeurteilung als constructive alignment (Biggs 1996) bezeichnet (siehe Abbildung). Die Forschungsfrage lautete demnach wie folgt:

Forschungsdesign: Wie wir vorgegangen sind
Was auch immer die Ergebnisse des Forschungsprojekts sein würden — sie sollten unmittelbar zur Verbesserung der Unterrichtspraxis beitragen. Diese Zielsetzung prägte das Projekt von Anfang an. Aus diesem Grund erschien der Forschungsansatz Educational Design Research (kurz: EDR; McKenney & Reeves 2019) besonders geeignet, um die Forschungsfrage zu untersuchen: Wie die Abbildung unten zeigt, zielt EDR zugleich auf die Entwicklung des theoretischen Verständnis des Gegenstands und die Entwicklung eines Lösungsansatzes für ein praktisches Problem. Typisch ist eine enge Zusammenarbeit mit Lehrkräften, Lernenden und anderen Akteuren aus der Praxis. In mehreren so genannten Designzyklen wird hier zunächst das Problem gründlich beforscht, um mögliche Ursachen und Lösungsansätze zu erkennen (A&E — Analysis & Exploration). Anschließend wird gemeinsam mit den beteiligen Lehrkräften ein Prototyp eines Designs — hier: einer Unterrichtsreihe zu Podcasts zum Thema “UK-Then and Now” in einem Englischkurs der Sekundarstufe II — entwickelt (“Referenzdesign”). Dieses Unterrichtsvorhaben wird dann durchgeführt, anschließend wird es umfassend evaluiert und die Durchführung durch beteiligte Gruppen (Lehrende, Lernende, Forschende) reflektiert. Auf dieser Basis wird der Prototyp für den nächsten Zyklus optimiert. So entsteht ein zunehmend ‘runderes’ Design. Zugleich entwickelt sich ein Verständnis darüber, wie die einzelnen Aspekte des Designs zusammenwirken und wie sie zum Lernerfolg beitragen.

Datenerhebung: Welche Grundlage haben unsere Forschungsergebnisse?
Unterricht wird durch eine unüberschaubare Vielzahl von Einflussfaktoren geprägt — ihn mit Methoden zu erforschen, wie sie z.B. in der Psychologie etabliert sind (so genannte Laborstudien, in denen der Einfluss isolierter Variablen untersucht wird), führt in empirischer Unterrichtsforschung oft nicht zu befriedigenden Ergebnissen. Daher wurden für dieses Projekt sehr unterschiedliche Daten erhoben, unter anderem:
- Dokumentenanalyse u.a. von Lehrplänen, Handreichungen und schulinternem Curriculum;
- SWOT-Analysen (Strengths, Weaknesses, Opportunities, Threats) mit Lehrkräften und Lernenden zu ihren bisherigen Erfahrungen mit mündlichen Kommunikationsprüfungen;
- Videografien von (simulierten) mündlichen Kommunikationsprüfungen nach dem bisherigen Design (‘prä’) und den jeweiligen Prototypen im I., II. und III. Zyklus (die tatsächlichen Prüfungen wurden aus juristischen Gründen nicht gefilmt);
- Einzel- und Gruppeninterviews mit Lehrkräften und Lernenden zu ihren Wahrnehmungen über Themenaspekte, die aus der SWOT-Analyse hervorgingen (u.a. Sprechangst bei Lernenden); diese wurden z.T. im Rahmen von Masterarbeits-Projekten durchgeführt und ausgewertet;
- Fragebögen zur Bedarfsanalyse und zur Evaluation;
- Feldnotizen und Kommunikation (u.a. Sprachnachrichten);
- Unterrichtsprodukte und Notizen von Lehrkräften (u.a. ausgefüllte Bewertungsraster) und Lernenden (z.B. aus der Prüfungsvorbereitung).