
Der OraCycle folgt Prinzipien des aufgabenorientierten Fremdsprachenunterrichts bzw. des task-based learning. Das heißt, der Unterricht orientiert sich an lebensweltlichen Sprachhandlungen in der Zielsprache, die oftmals sehr komplex sind. Selbst ein small talk kann, wenn er in einem unbekannten sozialen und kulturellen Kontext stattfindet, große Anforderungen an Fremdsprachenlernende stellen. Gelingende mündliche Kommunikation setzt genaues, idealerweise aktives Zuhören, ausgeprägte Fähigkeiten im interaktiven Sprechen sowie strategische, interaktionale und kulturelle Kompetenzen voraus. Da mündliche Kommunikation in unterschiedlichen generischen Formen realisiert wird, erfordert sie zudem ein Bewusstsein über die jeweiligen sprachlichen und strukturellen Merkmale, um angemessen und zielführend zu interagieren (Hallet 2011).
In der Entwicklung des OraCycle war Wolfgang Hallets (2012) Konzept der komplexen Kompetenzaufgabe ein maßgeblicher Einfluss. Dieses Planungsmodell für Aufgaben im Fremdsprachenunterricht begegnet der oben beschriebenen Komplexität von fremdsprachlicher Kommunikation. Es macht sie u.a. durch die Auseinandersetzung mit generischen Merkmalen auf Basis von aussagekräftigen Modelltexten sowie durch Förderung der für die Aufgabenbewältigung erforderlichen Teilkompetenzen in der Erarbeitung eines Lernprodukts bzw. Zieltexts erfahrbar. Zudem nähert es diese für Lernende angemessen kleinschrittig über längere Unterrichtssequenzen an.
Der OraCycle erweitert dieses Aufgabenmodell in zwei Aspekten: Erstens erweitert es die komplexe Kompetenzaufabe um ein Schema zur Sequenzierung von Unterricht, wobei hier auf den teaching-learning cycle nach Feez (1998) zurückgreift. Zum anderen überträgt er die Idee komplexer Lernaufgaben auf die Prüfungsaufgabe. Durch eine enge Einbettung der Prüfungsaufgabe in die Unterrichtsreihe (u.a. durch Aufgreifen der Lernendenprodukte als Ausgangstexte für die mündliche Kommunikationsprüfung) ermöglicht es dieses Planungsmodell, die Komplexität der Lernaufgabe auch in der Prüfung abzubilden, sodass die Lernenden Gelegenheit haben, ihre Kompetenzen umfassend zu demonstrieren — und nicht, wie in Klassenarbeiten, Klausuren und mündlichen Prüfungen oft üblich, lediglich Teilkompetenzen oder isolierte inhaltliche Aspekte.
Nachfolgend ein Beispiel für eine komplexe Kompetenzaufgabe (bzw. Lernaufgabe), an der die Lernenden über die gesamte Unterrichtsreihe (siehe learning cycle) hinweg bis zur Fertigstellung ihrer Podcast-Episode arbeiten. Die Aufgabenstellung ist bewusst recht vage gehalten. In der ersten Phase (Thematischer Einstieg) des learning cycle werden die Arbeitsschritte gemeinsam mit den Lernenden geplant.

Die Aufgabe für die Mündliche Kommunikationsprüfung (Prüfungsaufgabe) bildet die Komplexität der Lernaufgabe ab, indem sie sämtliche im Unterricht erarbeiteten Aspekte zu ihrer erfolgreichen Bewältigung erfordert (u.a. Rückgriff auf im Unterricht erarbeitete Kriterien beim Hören und Diskutieren der Ausgangs-Podcast-Episoden sowie bei der Planung der neuen Episode; Interaktion im Planungsgespräch, etc.). Um in der Prüfungssituation Transparenz über Thema, Ziel und Aufgabe zu sichern, ist die Aufgabenstellung hier deutlich detaillierter ausformuliert.
