Pro­blem 1: ‘Pri­ma­cy of liter­acy’ – Ori­en­tie­rung an schrift­li­chen Auf­ga­ben

Ein Befund aus der Fall­stu­die in der Jahr­gangs­stu­fe Q1 begeg­ne­te uns immer wie­der auch in Work­shops und in der Zusam­men­ar­beit mit wei­te­ren Schu­len: Die Gestal­tung münd­li­cher Kom­mu­ni­ka­ti­ons­prü­fun­gen folgt — ver­mut­lich unbe­wusst — häu­fig der kon­zep­tio­nel­len Schrift­lich­keit. Das heißt, wäh­rend durch den Wech­sel von einer schrift­li­chen Klau­sur (also zumeist: lesen/schreiben inte­griert) zu einer münd­li­chen Prü­fung der Modus vom Schrift­li­chen ins Münd­li­che wech­selt, blei­ben die Auf­ga­ben­stel­lung und die Kri­te­ri­en (u.a. bezüg­lich eines for­ma­len Regis­ters oder der sprach­li­chen Kor­rekt­heit) meist einer (kon­zep­tio­nel­len) Schrift­lich­keit ver­pflich­tet. Das vor unse­rer Inter­ven­ti­on ver­wen­de­te Auf­ga­ben­de­sign in der Q1 ver­an­schau­licht dies:

Die Auf­ga­ben bezie­hen sich auf einen Zei­tungs­ar­ti­kel als Quell­text und ori­en­tie­ren sich klar an der in NRW gän­gi­gen, drei­schrit­ti­gen Tex­terör­te­rung (sum­ma­ry – ana­ly­sis – com­ment), um so sämt­li­che Anfor­de­rungs­be­rei­che (I‑III) des Kern­lehr­plans Eng­lisch abzu­de­cken. Eine sol­che Auf­ga­ben­stel­lung erweist sich nach unse­rer Ana­ly­se auf ver­schie­de­nen Ebe­nen als pro­ble­ma­tisch:

Ers­tens: Die Auf­ga­ben­stel­lung von Task 1 ori­en­tiert sich an schrift­li­chen Gen­res: Das Gen­re der sum­ma­ry exis­tiert in der lebens­welt­li­chen münd­li­chen Kom­mu­ni­ka­ti­on schlicht nicht. Folg­lich man­gelt es den Ler­nen­den an men­ta­len Sche­ma­ta und erprob­ten Rou­ti­nen, einen sol­chen Text mehr oder weni­ger ad hoc (auf Basis einer ver­hält­nis­mä­ßig kur­zen Vor­be­rei­tungs­zeit von 30 Minu­ten) zu gene­rie­ren. Die Video­gra­fien bele­gen dies: Die Ler­nen­den grei­fen auf gene­ri­sche Mus­ter schrift­li­cher Zusam­men­fas­sun­gen zurück, die im münd­li­chen Dis­kurs aber nicht wirk­lich gelin­gen. In der Fol­ge kor­ri­gie­ren sich die Ler­nen­den regel­mä­ßig, fan­gen von neu an und ver­su­chen, die Form der sum­ma­ry zu gut es gera­de geht zu repro­du­zie­ren. Dabei wir­ken vie­le der gefilm­ten Ler­nen­den zuneh­mend ver­un­si­chert. Ihre Ver­un­si­che­rung rührt sicher­lich nicht allein von der unge­wohn­ten gene­ri­schen Form, denn:

Zwei­tens: Die Auf­ga­ben­stel­lung ist kogni­tiv über­for­dernd. Auch wenn die Auf­ga­ben­stel­lung des Ana­ly­se­teils (zwei­ter Teil von Task 1) leicht ver­ein­facht ist und die Kom­ple­xi­tät und Län­ge des Quell­texts gegen­über einer schrift­li­chen Klau­sur etwas redu­ziert wur­de, bleibt die Auf­ga­be hoch­kom­plex: Die Ler­nen­den haben ledig­lich eine hal­be Stun­de zur Text­lek­tü­re, Auf­ga­ben­be­ar­bei­tung und Vor­be­rei­tung ihres Mono­logs und des Dia­logs zur Ver­fü­gung — im Gegen­satz zu einer drei­stün­di­gen Grund­kurs-Klau­sur, die zudem die Mög­lich­keit der Text­über­ar­bei­tung lässt.

Drit­tens: Die Auf­ga­ben­stel­lung ist kom­mu­ni­ka­tiv unter­kom­plex. Sie defi­niert kei­nen situa­ti­ven Kon­text, kei­ne Adressat*innen oder Gen­re der Ziel­kom­mu­ni­ka­ti­on. Die Ler­nen­den gehen also impli­zit von einem ‘Prü­fungs­ge­spräch’ als Set­ting für ihren Vor­trag und den Dia­log aus, wobei selbst im Dia­log die Addressat*innen eigent­lich die beur­tei­len­den Lehr­kräf­te sind. Dies führt eher nicht zu ’natür­li­cher’ oder ‘authen­ti­scher’ Kom­mu­ni­ka­ti­on (inso­fern als die­se über­haupt in Prü­fun­gen mög­lich ist). Beson­ders deut­lich wird dies in den Dia­log­se­quen­zen der video­gra­fier­ten Prü­fun­gen, in denen sich die Kandidat*innen teil­wei­se nicht ein­mal zuein­an­der, son­dern pri­mär zu den Prü­fen­den hin ori­en­tie­ren.

Vier­tens: Die­ses Prü­funsgde­sign offen­bart, dass der Wech­sel von der schrift­li­chen zur münd­li­chen Leis­tungs­über­prü­fung hier nicht zu einer Revi­si­on des Unter­richts geführt hat. Die Unter­su­chung des schul­in­ter­nen Cur­ri­cu­lums beleg­te, dass der Schwer­punkt wei­ter­hin auf der Ana­ly­se von Zei­tungs­ar­ti­keln, dem Ver­fas­sen von Leser­brie­fen und wei­te­ren schrift­lich basier­ten Akti­vi­tä­ten lag.

Kurz­um, das ver­wen­de­te sol­ches Auf­ga­ben­for­mat wird dem Ziel, Münd­lich­keit zu stär­ken, also auf meh­re­ren Ebe­nen nicht gerecht.