
Über den learning cycle nähern sich die Lernenden dem Zielprodukt (z.B. einem Podcast, einem TED talk, etc.) Schritt für Schritt an. Dabei entwickeln sie ein Bewusstsein über die Besonderheiten gesprochener Sprache (z.B. geringere Formalität, stärkere Kontextbezogenheit, Einbindung nonverbaler/körpersprachlicher Ressourcen, etc.) im Vergleich zur Schriftsprache. Außerdem lernen sie anhand von ausgewählten Modelltexten Merkmale unterschiedlicher Genres der (digital-)mündlichen Kommunikation kennen. Anhand dieser entwickeln sie Kriterien für ihre eigenen Entwürfe, auf die sie sich im Rahmen des assessment cycle in self- und peer assessment beziehen.
Der learning cycle lehnt sich an die ersten vier Phasen des teaching-learningcycle des generischen Lernens nach Feez(1998) und seinen Adaptionen von Hallet (2011, 2015) an. Generisches Lernen basiert auf der Annahme, dass Kommunikation in weiten Teilen konventionalisiert ist, d.h. abhängig vom kulturellen und sozialen Kontext in wiederkehrenden sprachlichen, stilistischen und strukturellen Mustern verläuft. Zum Beispiel folgt ein Small Talk einer Abfolge von einem Einstieg („Hi, how are you doing?“ – „Fine, how are you?“), einem Austausch über unverfängliche Themen und einem Abschluss („Well… I gotta hurry – see you soon!“). Wenn Lernende sich mit diesen Mustern vertraut machen, können sie Routinen entwickeln, die die kognitive Belastung bei der anspruchsvollen mündlichen Kommunikation reduziert. Darüber hinaus weckt die Auseinandersetzung mit Genres ein Bewusstsein für die Merkmale und Besonderheiten mündlicher Sprache gegenüber der Schriftsprache.
Die vier Phasen des learning cycle im Überblick:
- Thematischer Einstieg: In dieser Phase kann bereits das Szenario für die Kompetenzaufgabe eingeführt werden und ein Überblick über das gesamte Projekt – z.B. die Aufnahme einer eigenen Podcast-Episode – gegeben. So können die Schülerinnen und Schüler aktiv in die Planung einbezogen werden (Was brauchen wir, um das Produkt zu erstellen?). Weiterhin dient diese Phase dazu, einen Überblick über das im Lehrplan definierte Themenfeld zu geben und thematisches Vokabular aufzubauen. Auf diese Weise werden die Lernenden an den Diskurs/die Diskurse herangeführt, mit dem sie sich im Rahmen der Kompetenzaufgabe intensiver befassen werden.
- Arbeit mit Modelltexten: Anhand von Genrebeispielen, die sprachlich und inhaltlich als besonders für die Zielgruppe geeignet erscheinen (=Modelltexte), werden in dieser Phase typische Merkmale eines Genres erarbeitet, die im weiteren Verlauf als Kriterien für die Erstellung und Bewertung der eigenen Produkte genutzt werden. Hier bietet es sich an, sich an den vier Dimensionen des Oracy Skills Framework zu orientieren: physisch (u.a. wie werden Stimme, Intonation, Körpersprache eingesetzt, um die kommunikative Absicht zu unterstützen?), sprachlich (Welche sprachlichen Strukturen werden häufig verwendet? Welches sprachliche Register wird gewählt?), kognitiv (Wie wird der Inhalt strukturiert? Inwieweit ist der Vortrag vorstrukturiert/geskriptet oder spontan? Welche rhetorischen Strategien werden verwendet?) und emotional-sozial (Wie werden die Zuhörenden angesprochen und ggf. involviert? Welche kulturellen Besonderheiten zeigen sich in der Kommunikation?). Die Kriterien der Lernenden sollten nach und nach verfeinert und ggf. von der Lehrkraft abstrahiert werden (siehe Beispiele).
- Unterstützte Konstruktion: Inspiriert durch die Modelltexte nähern sich die Lernenden in dieser Phase über mehrere Entwürfe (drafts) allmählich Ihrem Zielprodukt an. Dieser Prozess wird durch den assessment cycle intensiv unterstützt: In mehreren Feedback-Schleifen bewerten die Lernenden ihre eigenen Entwürfe (self-assessment), geben und erhalten von ihren Mitschülerinnen Feedback (peer assessment) und erbitten Rückmeldung von der Lehrkraft (teacher feedback/formative assessment). Dieses Feedback basiert dabei grundsätzlich auf den zuvor etablierten Kriterien. Dies fördert die Metakognition, das Sprachbewusstsein und die Sprachlernkompetenz der Lernenden. Idealerweise wird das Produkt nicht individuell erstellt, sondern kooperativ, um mündliche Aushandlungsprozesse zu fördern, die später in der mündlichen Kommunikationsprüfung (‚An Gesprächen teilnehmen‘) (mit-)überprüft werden. Der gesamte Prozess wird durch intensives Scaffolding und gezielte Übungen (language loops; z.B. zur Intonation) begleitet.
- Selbständige Konstruktion: Sobald die Lernenden im Rahmen der dritten Phase das Lernprodukt fertiggestellt haben, sollten sie eine gewisse Routine in dessen Planung und Erstellung entwickelt haben, sodass die Unterstützung durch die Lehrkraft weitgehend reduziert werden kann. In dieser Phase können Prozesse eingeübt werden, die in der mündlichen Kommunikationsprüfung in sehr verdichteter Form überprüft werden, z.B. die kriterienbasierte Analyse und Evaluation von Genrebeispielen (idealerweise: Schülerprodukte) oder auch die gemeinsame Planung eines weiteren Texts unter veränderten Anforderungen (z.B. neue Themenstellung). In dieser Phase wird von Lernenden häufig ein mock exam gewünscht, um eine Vorstellung über den Ablauf der Prüfung zu entwickeln. Ergebnisse der empirischen Studie zeigen, dass Lernende dies als angstreduzierend empfinden.